Interview mit dem Kunstturner Benjamin Gischard

Benjamin, mittlerweile ist Halbzeit im Olympiazyklus. Wie sehen deine weiteren Pläne und Vorbereitungen im Hinblick auf Tokio 2020 aus?

Benjamin: Anders als noch in Rio 2016 muss jeder Athlet in Tokio 2020 alle Geräte beherrschen, um für das Team interessant zu werden. Meine Vorbereitung umfasst somit neu wieder alle 6 Geräte. Normalerweise absolviere ich 4 Geräte: Boden, Pferd, Ring und Sprung. Nun gehören Barren und Reck auch wieder vermehrt auf den Trainingsplan. Dort trainiere ich zurzeit eher einfache Übungen, aber füge noch 1-2 Elemente hinzu, damit ich das Schwierigkeitslevel eines guten 6-Kämpfers erreiche. Nächstes Jahr, 2019, ist das wichtige Jahr: Wenn wir an der WM 2019 unter die ersten acht kommen, sind wir direkt für die OS qualifiziert. Ansonsten bestreiten wir die Preolympics, an welchen die beste 4 Teams das Ticket für die Olympischen Spiele erhalten.

Was war bis anhin dein schönster Moment im Kunstturnen?

Benjamin: Die schönsten Momente waren für mich der 3. Rang im Team an den Europameisterschaften in Bern und natürlich die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Die Olympischen Spiele sind nochmals etwas anders als ein Grossanlass. Es wurde ein ganzes Dorf extra für die Athleten aufgebaut und militärisch überwacht. Die Eingangskontrolle war wie am Flughafen. Es macht einen schon nervös, wenn du reinkommst und vor dir die grossen Olympischen Ringe siehst. Zwei bis drei Jahre zuvor war das noch mein Traum und dann stehen ich plötzlich dort, ein unbeschreibliches Gefühl.

Hast du irgendwelche Rituale vor dem Wettkampf?

Benjamin: Eigentlich nicht, vor jedem Gerät visualisiere ich einfach alles und gehe die Übungen nochmals im Kopf durch.

Und wie sieht es mit der Ernährung aus?

Benjamin: Fünf Stunden vor dem Wettkampf nehme ich die letzte grosse Mahlzeit zu mir, damit sie mir während dem Wettkampf nicht aufstösst. Am Wettkampf selber habe ich einige Energieriegel im Gepäck und trinke hauptsächlich Wasser und Powerrade, um schnell wieder zu Zucker zu kommen. In Magglingen, an meiner ersten Qualifikation für die EM, wurde mir ein riesiges Hungerloch zum Verhängnis. Nach dem ersten Gerät hatte ich überhaupt keine Energie mehr und mir wurde schwindlig. Anschliessend habe ich richtig viel gegessen und mir wurde noch schlecht, ich konnte mich gar nicht mehr auf die Übungen konzentrieren. Im Alltag ernähre ich mich einigermassen ausgewogen.

Bekanntlich ist mit dem Kunstturnen enormer Aufwand verbunden. Wie sieht die finanzielle Entschädigung dafür aus?

Benjamin: Im Nationalteam in Magglingen wird uns die Unterkunft und das Essen bezahlt. Zusätzlich gibt es noch eine Art Leistungslohn, aber für die Zukunft viel Geld auf die Seite legen kann man nicht. Du musst dir nebenbei ein Standbein aufbauen, ich habe beispielsweise vor kurzem mit dem Fernstudium begonnen.

Hast du spontan noch eine lustige Geschichte auf Lager, aus Wettkämpfen oder Trainings?

Benjamin: In einem leichten Mittwochtraining mit lockerer Stimmung haben wir uns ein Spässchen mit dem Cheftrainer erlaubt: Während er kurz ins Büro musste, versteckten wir uns alle irgendwo in der Halle. Als er wieder zurückkam, war die Halle leer. Völlig ratlos fing er an, uns zu suchen und fand dann auch die meisten. Unser Teammitglied aber, Pablo Brägger, konnte er nicht finden. Der hat es volle 15 Minuten durchgezogen und wir mussten den Trainer schlussendlich mit «wärmer» und «kälter» zum Versteck hinführen.

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