nachgefragt bei Marc Berthod

Du hast dich vor wenigen Jahren dazu entschieden, deine Karriere als Skifahrer zu beenden. Welche Aspekte hast du in deine Entscheidung miteinbezogen?

Manchmal kommt es mir vor, als liege meine Rennfahrerkarriere bereits Ewigkeiten zurück. Trotzdem sind es eigentlich erst genau 3 Jahre. Der Hauptgrund für den Rücktritt war mangelnde Motivation. Das Feuer, das mich über all die Jahre stets angetrieben hat, jeden Tag trainieren zu wollen, und der Glaube an den Erfolg waren nicht mehr vorhanden. Ich liess mir Zeit mit der Entscheidung, weil ich auf den Tag wartete an dem der Hunger auf das Leben als Rennfahrer zurückkommen sollte. Aber der Tag kam nicht. Der Apfel fällt, wenn er reif ist.

Dein Alltag hat sich geändert. Welche Vorteile siehst du in deinem neuen Alltag gegenüber dem Alltag als Athlet?

Das Leben als Sportler ist etwas vom Schönsten was ich erleben durfte. Es ist aber auch ein Leben in einer gewissen Blase. Eine eigene kleine Welt, in der ein Gefühl herrscht, dass es auf diesem Planeten nichts Wichtigeres gibt als Skifahren. Einen Vorteil würde ich das nicht direkt nennen, aber ich schätze es heute, eine gewisse Distanz zu haben – obwohl ich immer noch sehr verbunden bin mit dem Skisport. Mein Leben dreht sich nicht mehr nur um Sport. Es gibt Platz und vor allem Zeit für Neues. So darf ich heute unterschiedlichen Dingen nachgehen. Ich betätige mich als Trainer, studiere im Bereich Betriebsökonomie mit dem Hauptfach Sportmanagement, darf als SRF-Experte die Skirennen live mitkommentieren und gehe weiteren Projekten nach. Diese Vielseitigkeit, die ich erleben darf, empfinde ich als Privileg und grössten Vorteil gegenüber dem Alltag als Athlet. Und das Wichtigste zum Schluss; ich habe mehr Zeit für die Familie.

Seit 2017 bist du als Ski-Experte für das SRF unterwegs. Konntest du durch deine neue Aufgabe im Ski-Sport neue Ansichten über den Sport gewinnen und wenn ja welche?

Der Faktor der Materialabstimmung ist zunehmend wichtiger geworden. Marcel Hirscher hat mit seinem Drang zur Perfektion, zusammen mit seinem Umfeld, das Level des Skisports im Materialbereich kontinuierlich erhöht und maximiert. Dadurch hat er die Konkurrenz dazu gezwungen, sich in diesem Bereich zu entwickeln. Unter Abstimmung verstehe ich grob das Einstellen der Schuhe, mit verschiedenen Winkeln und Härten, sowie das Positionieren der Bindung und das Präparieren der Ski. Zusätzlich hat sich die Dichte an der Weltspitze vergrössert. Es ist heute schwieriger als je zuvor, zu den Top Athleten zu gehören.

Marcel Hirscher hat seine Karriere beendet. Wie ist deine Prognose für die neue Saison – welcher Athlet wird uns überraschen?

Durch den Rücktritt von Marcel Hirscher werden 1558 Punkte frei, die es neu zu verteilen gilt. Ich bin überzeugt, dass das Schweizer Herrenteam viele von diesen Punkten einfahren wird und unserem langjährigen Konkurrenten Österreich ungemütlich nahe kommen könnte. Im Riesenslalom wird die Mannschaft von Swiss-Ski wahrscheinlich den grössten Schritt nach vorne machen und uns neben der Abfahrt und dem Slalom viel Freude bereiten. Ein Athlet, der die Voraussetzungen mitbringt, in Zukunft in die grossen Fussstapfen von Marcel Hirscher zu treten, ist ein gewisser Marco Odermatt. Wie viel Zeit er dazu benötigt, wird sich zeigen. Aber es wird sicher spannend, ihn sowie auch den ganzen Weltcup zu verfolgen.

Vielen Dank für das Interview Marc!

23. Januar 2020

zur Person

Marc Berthod

Marc Berthod ist ein ehemaliger Skirennfahrer. Während seiner Karriere wurde er Juniorenweltmeister, gewann zweimal Bronze an Weltmeisterschaften und gewann zwei Weltcuprennen, einen Slalom und einen Riesenslalom am legendären Chüenisbärgli in Adelboden. 2016 beendete Marc Berthod seine Karriere als Skirennfahrer, heute ist er als Ski-Experte des SRF im Einsatz.

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