Rückblick "Symposium Good Hosting von Sportfans"

Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen beschäftigt zahlreiche Akteure in ganz Europa. Am Symposium „Good Hosting von Sportfans“ referierten internationale Wissenschaftler, Polizeikader und Club- und Ligavertreter aus dem Vereinigten Königreich, Schweden und Österreich über aktuelle Ansätze und "Good Practice"- Beispiele im Umgang mit Sportfans. Das Symposium stiess auf reges Interesse, rund 180 Vertreterinnen und Vertretern aus Polizei, privaten Sicherheitsfirmen, Cluborganen, Fanarbeit, Politik und Liga nahmen teil.

Prof. Dr. Clifford Stott von der Keele University führte in seinem Referat aus, dass es sich um einen Irrglaube handelt, dass das Vereinigte Königreich das Gewaltproblem rund um Sportveranstaltungen gelöst hat und dass unsere traditionellen Wege, Konflikte im Fussball zu verstehen, wenig oder gar keine stützenden Belege aus der Wissenschaft erhalten. So gilt heute der „Ansatz der sozialen Identität“ als führende wissenschaftliche Theorie in der Massenpsychologie. Das „Elaborated Social Identity Model“ beschreibt vor allem auch Auswirkungen der Polizeiarbeit auf das Verhalten einer Menschenmenge und untersucht die Ursachen für die Entstehung von Gewalt. Stott fordert deshalb, aktuelle Muster in der Polizeiarbeit in Bezug auf die Arbeit mit Menschenmassen, insbesondere Sportfans, grundlegend zu überdenken. Diese Meinung vertritt auch Chief Superintendent Owen West von der West Yorkshire Police. Auch er fordert einen Paradigmenwechsel in der (polizeilichen) Arbeit mit Fanmassen, hin zu einer konsequenten Umsetzung des Dialog-Konzepts. Inspector Mats Norlin & Inspector Jens Lindgren von der Stockholmer Polizei präsentierten in ihrem Vortrag den dialogorientierten Ansatz im Management von Sportfans in Stockholm. Die Vorteile des Einsatzes von Evenemangs Polizisten/innen zeigte sich in Stockholm primär in drei Punkten: 1) Abbau der verhärteten Fronten zwischen Fans und Polizei: 2) Bessere und präzisere Aufklärungsinformationen: Es zeigte sich, dass durch den Vertrauensaufbau die Fans nun plötzlich auch Informationen mit den Evenemangs Polizisten teilten. 3) Verstärkung der selbstregulativen Tendenzen: Durch die erhöhte wahrgenommene Legitimität der Evenemangs Polizisten seitens der Fans, kam es zu Situationen, in denen einflussreiche Fans anfingen, konfliktreiche Situationen selbst zu regulieren.

Organisator und Referent Dr. Alain Brechbühl von der Forschungsstelle Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Bern über die aktuelle Forschung im Bereich Fangewalt. 

Welche Ursachen liegen der Fangewalt zu Grunde?

Von einem psychologischen Standpunkt aus gibt es verschiedene Erklärungsansätze bspw. ist der Ausgleich zum Alltag sehr Individuums bezogen. Es gibt solche die ab und zu in den Zustand kommen wollen, der Ihnen Action garantiert. Danach gibt es eher soziologische Erklärungsansätze wie gesellschaftlich bedingte Konflikte. Typischerweise sind dies traditionelle Stadtrivalitäten. Basel – Zürich, oder der Röstigraben oder in Deutschland wäre es alte Bundesländer – neue Bundesländer. Es gibt auch situative Erklärungsmöglichkeiten: Es kann aus der jeweiligen Situation ein Kontext entstehen, welcher für jemanden so provozierend wirkt, dass es letztendlich zu Fangewalt kommt, dort kann bspw. die Überidentifikation mit dem eigenen Team die Situation beeinflussen.

Wie sieht die Forschung am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern zum Thema Fangewalt aus?

Unsere Forschung geht in Richtung kontextbezogene Erklärungsfaktoren: Relevant ist jeweils immer ein Intergruppen-Kontext. Das heisst es sind mehrere Gruppen involviert und wir schauen an, was zwischen diesen Gruppen passiert und wieso etwas passiert – zwischen Polizei und Fans, aber auch Fans und Fans oder Sicherheitsdiensten und Fans. Uns interessiert, welche Interaktionen sich dort ergeben und welche Vorgeschichten es bereits gibt. Wir schauen das Individuum in der Gruppe an und gehen auf den Bereich der sozialen Identität von Individuen ein, welcher eine zentrale Rolle bei der Erklärung von Fangewalt spielt. Der Gruppenkontext stellt eine völlig andere Situation dar, als wenn man allein unterwegs ist.

Welche Lösungsansätze stehen zur Verhinderung von Fangewalt im Zentrum?

Das grösste Potenzial sehe ich im Ausbau des Dialoges. Schweden zum Beispiel hat ein dialogorientiertes Einsatzkonzept mit einer Dialogpolizei, welche wirklich komplett auf repressive Funktionen verzichtet. Es brauchte einen sehr langen Aufbau, nun scheint es aber zu funktionieren. Bei einer heiklen Situation kann die Dialogpolizei dann versuchen zu verhandeln und die Fronten abzubauen. Wenn man das in der Schweiz auch hinbringen würde, wäre das super. Man könnte sich viele Sicherheitskräfte sparen und somit könnten auch Kosten und Eskalationen verringert werden, da bin ich überzeugt.

26. Juni 2019